Der letzte Führerscheinneuling ist bereits geboren!

Am 9. Oktober fand die gemeinsame Veranstaltung der Industrie-und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen zur Zukunft der Mobilität im Wirtschaftsclub Düsseldorf statt. Vor dem Hintergrund neuer technologischer Entwicklungen und strenger Anforderungen an die Umweltverträglichkeit geraten herkömmliche Fahrzeugtechnologien immer mehr unter Druck. Gleichzeitig verlieren die individuelle Mobilität und das eigene Auto in der Wertewelt, insbesondere junger Menschen, immer mehr an Bedeutung. Mit der Entwicklung und der Verbreitung der Elektromobilität wollen die Hersteller den hohen Anforderungen an die Umweltverträglichkeit gerecht werden und die Schadstoffbelastung, vor allem in den Städten, in Grenzen halten und so Dieselfahrverbode abzuwenden. Schwarmmobilität und autonomes Fahren sind Technologieentwicklungen und Gedankenmodelle, die ebenfalls dazu beitragen sollen, die hohe Belastung in den Städten zu reduzieren.

„Wir greifen in der Tat heute Abend eines der meist diskutierten Themen der letzten Monate auf. DIE deutsche Erfolgsbranche hat einen immensen Imageschaden erlitten. Heute Abend wollen wir das Ganze von verschiedenen Seiten beleuchten. Vor allem soll die Botschaft sein, dass NRW nach wie vor sehr starke, innovative, wettbewerbsfähige Akteure im Automotive-Bereich hat,“ so Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf.

Die 120 Gäste hörten sehr spannende Vorträge von Silicon-Valley-Insider Dr. Mario Herger, der die zentralen Thesen seines Buchs „Der letzte Führerscheinneuling ist bereits geboren“ vorstellte. Er zeigte, wie Google, Tesla, Apple, Uber & Co. unsere automobile Gesellschaft verändern und Arbeitsplätze umwälzen könnten. Derzeit haben 42 Unternehmen in den USA die Zulassung für autonomes Fahren. Über 100 Unternehmen forschen dazu.

Automotive-Experte Prof. Dr. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management zeigte, welchen Herausforderungen die etablierte Automobil- und Zulieferindustrie gegenübersteht und wie sie auf die Zukunftstrends reagieren könnte. Er stellte dar, dass die Spielregeln der Branche sich radikal verändert haben. Es gebe drei Revolutionen in der Branche: die Mobilitäts-Effizienz-Revolution, die Mobilitäts-Zeit-Revolution und die Mobilitäts-System-Revolution.

In Sachen Elektromobilität ist der Leitmarkt China. Alleine im ersten Halbjahr 2017 wurden 200.000 Elektro-Neuwagen zugelassen. Professor Bratzel betonte, dass das Trio „Reichweite – Infrastruktur – Preis“ gelöst werden müsse, bevor sich auch bei uns die Elektromobilität durchsetzen könne. Zwar hinken die Deutschen bei der Elektromobilität noch hinterher. Er prognostiziert aber ab dem Jahr 2020 eine exponentielle Kurve bei der Entwicklung. 

„Vor Tesla war Elektromobilität etwas, das mit Krankentransportstühlen verbunden wurde. Tesla hat die Elektromobilität salonfähig gemacht,“ so Bratzel.

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutieren Unternehmer und namhafte Akteure aus der Automotive-Branche diese zentralen Zukunftsfragen. Wolfgang Kopplin, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung und Geschäftsführer Marketing & Verkauf der Ford-Werke GmbH, Köln berichtete darüber, dass Ford in die beiden deutschen Werke in Köln und im Saarland massiv investiert. Er sagte auch, dass der Betriebsrat bei Ford hinter den Entwicklungen stehe und sehr genau überlegt werde, wie die Mitarbeiter bei dem ganzen Veränderungsprozess mitgenommen werden können.

Uta Hoffmann, Geschäftsführerin Delphi Deutschland GmbH und Business Director Electronic Controls Europa, Wuppertal ist davon überzeugt, dass das klassische System von Herstellern und Zulieferern derzeit aufbreche. Es entstünden ganz neue Partnerschaften. Gerade die kleinen Zulieferer dürften sich dem Wandel nicht verschließen, sondern vielmehr die neu entstehenden Chancen nutzen.

Den Wandel und die Chancen rechtzeitig erkannt hat Rolf A. Königs, Geschäftsführer der AUNDE Gruppe, Mönchengladbach.

„Ich gehe heute Abend nicht deprimiert nach Hause. Im Gegenteil. Als Sitzhersteller und Systemlieferant sind wir in der richtigen Branche. Sitzen tun wir immer noch. Das Interieur wird künftig sogar einen noch größeren Stellenwert bekommen, da wir künftig mehr Zeit in Autos verbringen werden.“

Not macht erfinderisch. Roland M. Schüren, Inhaber Ihr Bäcker Schüren aus Hilden gründete im Januar 2017 bei Facebook eine E-Transporter Selbsthilfegruppe. Binnen kurzer Zeit meldeten sich zahlreiche Interessenten, darunter viele Handwerksbetriebe, aber auch Paketdienste, Getränkefirmen, Krankentransport-Unternehmen und auch die Stadt Düsseldorf. Alle haben das gleiche Problem: Sie müssen in Ballungsräumen sehr oft kurze Strecken zurücklegen und fürchten, in die Diesel-Falle zu tappen. Bei einem „Konfigurationstreffen“ wurde aufgeschrieben, welche Anforderungen der E-Transporter mit dem Namen Bakery Vehicle 1 (BV 1) erfüllen müsste. Weder die deutschen noch die ausländischen Autobauer klassischer Prägung konnten konkurrenzfähige Offerten unterbreiten. Zum Teil gab es gar keine Antwort, zum Beispiel vom VW. Fündig wurden Schüren und seine Mitstreiter trotzdem, und zwar in Aachen. Dort sitzt die Firma Streetscooter, eine Tochter der Deutschen Post.